Nach dem schrecklichen
Amoklauf in Winnenden


Abschied von Rune

Nach dem schrecklichen Amoklauf in Winnenden war die Fassungslosigkeit, Betroffenheit und Trauer groß. Viele standen unter Schock und konnten nicht begreifen, was geschehen war.

Das „WARUM“ ist eine zentrale Frage, auf die es keine wirkliche Antwort gibt. Es gibt Erklärungsversuche, doch auch diese beantworten diese Frage letztendlich nicht.

Während in den ersten Tagen der Amoklauf von Winnenden ein zentrales Thema in ganz Deutschland und darüber hinaus war, kehrt nun für viele wieder „Alltag“ ein. Zumindest für diejenigen, die nicht direkt oder indirekt betroffen sind.

Für die Betroffenen, die Angehörigen, die Freunde und Bekannten, ist jedoch kein Alltag in Sicht. Die Welt hat sich verändert und wird auch nie mehr so sein wie vorher. Sie alle stehen vor einer der schwersten Herausforderungen, die einem das Leben stellen kann: mit dem Tod eines geliebten Menschen leben zu lernen.

Diejenigen, die Augenzeugen waren oder selbst verletzt wurden, kämpfen nicht nur mit dem Schock des Erlebten, mit den Bildern, Geräuschen und Empfindungen ... viele von ihnen haben auch Schuldgefühle. Dieses subjektive Schuldempfinden kann sich zum Beispiel darauf beziehen, dass man es irgendwie hätte verhindern können, dass man irgendetwas hätte vorher merken müssen. Manche leiden auch unter der sogenannten „Überlebensschuld“. Sie machen sich selbst Vorwürfe, dass sie überlebt haben.

Mögen all diejenigen, die direkt oder indirekt betroffen sind, jetzt Menschen an ihrer Seite haben, die ihnen Halt, Sicherheit und Geborgenheit geben. Ob dies nun ausgebildete Fachleute sind oder aber „nur“ einfühlsame Mitmenschen ... wichtig ist, dass jemand da ist.

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Für alle, die nicht direkt oder indirekt betroffen sind, aber deren Kinder (wie die meisten) von dem Ereignis gehört haben, nachfolgend noch einige Hinweise:


Ist es „normal“, dass mein Kind nicht mehr über das Ereignis spricht?

Viele Kinder brauchen die Rückkehr zur „Normalität“, also zu vertrauten Abläufen, zur „heilen“ Welt. Diese Distanz schafft Sicherheit. Das heißt jedoch nicht, dass die Kinder es vergessen haben. Es wird die meisten Kinder noch längere Zeit beschäftigen, den einen mehr, den anderen weniger.


Was ist „normal“ in der ersten Zeit?

Es gibt Kinder, denen das Ereignis sehr viel Angst gemacht hat. Angst, dass soetwas einem selbst geschehen könnte. Angst, dass ein Angehöriger sterben könnte. Diese Angst kann zu Unsicherheit, zu Rückschritten im Verhalten, zu unruhigem Schlaf und zu Unkonzentriertheit führen. Das ist in den ersten Tagen ein ganz normales Verhalten. Das soll Sie als Eltern nicht beunruhigen.

Falls Ihr Kind jedoch auch längere Zeit (meist spricht man von einem Zeitraum von über vier Wochen) ein deutlich verändertes Verhalten zeigt, sich zurückzieht, Situationen und Orte vermeidet, die an den Amoklauf erinnern könnten, kaum noch fröhlich und zuversichtlich ist, dann kann es sinnvoll sein, sich fachlichen Rat zu suchen.


Soll ich mit meinem Kind noch darüber reden?

Es hat mich sehr betroffen gemacht, dass es in der Akutphase, also in den ersten 24 Stunden, doch einige Fachleute gab, die in den Medien verkündeten, dass die Eltern auf keinen Fall mit ihren Kindern über den Amoklauf sprechen sollten. Wenn überhaupt, dann nur, wenn die Kinder schon älter sind oder wenn die Kinder von sich aus fragen. Das fehlten selbst mir die Worte.

Kaum ein Kind hier in Deutschland hat nicht davon erfahren. In der Schule, in der Pause, auf dem Schulweg, durch Fernsehen und Radio, durch Zeitungen und das Internet. Und viele Kinder haben die Betroffenheit von uns Erwachsenen gespürt, das Entsetzten, die Fassungslosigkeit. Wer glaubt denn wirklich, dass die Kinder nichts mitbekommen haben? Und welches Kind wird zuhause fragen, wenn es spürt, dass es da etwas gibt, über das aber nicht gesprochen wird? Kinder orientieren sich häufig an ihren Vorbildern ... .

Wir wissen auch, dass Kinder, die man auf etwas kindgerecht und verständlich vorbereitet, besser mit diesen Situationen umgehen können.

Jetzt frage ich Sie: Welches Kind kann besser mit den Eindrücken vom Amoklauf umgehen? Ein Kind, das zuhause von seinen wichtigsten Bezugspersonen informiert wurde, das Gelegenheit hatte, zu verstehen, nachzufragen und auch die eigenen Gefühle zu zeigen? Oder aber das Kind, das aufgrund der „fachlichen Ratschläge“ nicht informiert wird und dann auf dem Schulweg an der Verkaufsbox der „Bild“-Zeitung vorbeikommt und dort die Schlagzeilen liest, die Fotos sieht ... und wenig später an der Bushaltestelle die Unterhaltungen der anderen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen zu diesem Thema mitbekommt?

Kindgerechte und verständliche Informationen sind vor allem in der Akutsituation wichtig und hilfreich!

Nun sind einige Tage vergangen. Vermutlich spricht Ihr Kind nicht mehr darüber - und sie auch nicht. Das ist jetzt grundsätzlich in Ordnung. Doch es kann hilfreich sein, wenn Sie im passenden Moment Ihr Kind fragen, ob es sich noch Gedanken über den Amoklauf macht. Ob Ihr Kind sich Sorgen macht, ob es Angst hat. Und selbst dann, wenn Ihr Kind sagt, dass es nicht mehr daran denkt und sich auch keine Sorgen macht oder Angst hat, ist es wichtig, dass Sie Ihre eigenen noch vorhandenen Gefühle und Gedanken dazu aussprechen. Versichern Sie Ihrem Kind, dass es angstfrei in die Schule gehen darf, dass es darauf vertrauen darf, dass Sie für Ihr Kind da sind.


Wie kann mein Kind seine noch vorhandene Betroffenheit ausdrücken?

Wir Erwachsenen haben meist gelernt, über unsere Betroffenheit zu sprechen. Vielen hilft es, darüber zu reden. Vor allem jüngere Kinder besitzen aber weder die Erfahrung noch den Wortschatz, um dies so zu tun.

Ermuntern Sie Ihr Kind, ein Bild über das zu malen, was es bewegt und beschäftigt. Nehmen Sie das Bild dann zum Anlass, um über das Ereignis und auch Ihre eigenen Gefühle und Empfindungen zu sprechen.

Vielleicht möchte Ihr Kind auch einen Brief schreiben: an die Hinterbliebenen oder die Opfer.


Was ist noch wichtig?

Wie schon oben erwähnt, brauchen die Kinder jetzt Stabilität und Sicherheit. Dies können Sie mit Worten tun - und dadurch, dass Sie möglichst viel vertrauten Alltag gestalten.

Viele Kinder werden zum ersten Mal mit einem solchen schlimmen Ereignis konfrontiert. Das führt dazu, dass sie Angst haben, dies könnte jetzt auch ihnen geschehen. Sie machen sich Gedanken darüber, ob sie selbst oder ihre Bezugspersonen sterben können. Gerade jüngere Kinder können nicht immer verstehen, was „tot sein“ bedeutet.

Seien Sie offen für die Fragen und Sorgen Ihrer Kinder! Nehmen Sie diese ernst!

Sprechen Sie mit Ihren Kindern auch über Tod und Vergänglichkeit.


Hinweise zu hilfreichen Büchern finden Sie unter
Literatur (Weiterleitung auf externe Seite).

www.kindertrauer.info

Unser Mitgefühl gilt allen, die direkt oder indirekt betroffen sind.