Schwere Unfälle, Naturkatastrophen, das Erleben von Gewalt gegen sich oder andere, plötzliche schwere Erkrankungen,
aber auch der plötzliche Verlust einer Bezugsperson können die Betroffenen traumatisieren. Bei Kindern ist dies auch schon häufig bei dem passiven (!) Erleben von Unfällen und Gewalt möglich, d.h. die Kinder sind
selbst garnicht selbst (physisch) betroffen, sondern erleben das ganze “nur” als Beobachter.
Unmittelbare (mögliche) Reaktionen nach einer Traumatisierung:
Verhalten: sich
zurückziehen, still sein oder viel reden, Appetitlosigkeit, nicht zur Ruhe kommen, zielloses Herumlaufen, verstärkter Konsum von Alkohol/Nikotin/Koffein.
Diese Reaktionen sind in der ersten Schockphase (Dauer: von einer Stunde bis ca. einer Woche) und auch in der
Einwirkungsphase (die darauf folgende Zeit, etwa 2-3 Wochen) eine normale Reaktionen auf das Ereignis.
Von einer
post-traumatischen Belastungsstörung (post traumatic stress disorder - PTSD) spricht man, wenn der Zustand auch weiterhin
anhält. Folgende Kriterien sind hierfür festgelegt worden (gemäß DSM III-R und DSM IV):
- der Betroffene war einem traumatischen Ereignis ausgesetzt
- der Betroffene hat plötzliche und wiederkehrende Erinnerungen an das Ereignis (z.B. in Alpträumen) oder in
Rückblenden (den sogenannten “flash-backs”) in denen das Geschehen ständig wieder erlebt wird (manchmal sind dies auch nur Teile des Geschehens wie z.B. Geräusche, Gerüche oder Körperempfindungen)
- der Betroffene vermeidet alles, was ihn an das Trauma erinnert bzw. erinnern könnte
- der Betroffene ist deutlich schreckhafter und leidet unter einer gesteigerten Erregbarkeit
- die Störung verursacht klinisch bedeutsames Leid oder eine Beeinträchtigung im Alltag
Bei Kindern dominiert häufig das sogenannte “traumatische Spiel” (das Nachspielen der Ereignisse mit Spielzeug,
Handpuppen oder in Bildern), eine Dissoziation (Abspaltung, Ausblendung, Ausfiltern) sowie oft undefinierbare Ängste, die nicht in direktem Zusammenhang mit dem Ereignis stehen müssen. Ebenso Rückkehr zu bereits
abgelegten Verhaltensweisen (z.B. Daumenlutschen), ein erhöhtes Erregungsniveau sowie eine veränderte Haltung bzw. Einstellung gegenüber dem Leben, der Zukunft oder anderen Menschen. Häufig entwickelt sich bei den
Kindern ein Schuld- (oder auch Scham-)gefühl. Wie bei den Erwachsenen kann sich auch ein Vermeidungsverhalten entwickeln, welches dazu führt, dass alles gemieden wird, was in direktem oder indirektem Zusammenhang mit
dem Ereignis steht.
Bei diesen Anzeichen, vor allem wenn sie über einen längeren Zeitraum bestehen, ist es ratsam, die Hilfe eines auf
traumatische Belastungen bei Kindern ausgebildeten Spezialisten in Anspruch zu nehmen. Diese sind in Deutschland leider sehr rar. Zur Abklärung der Notwendigkeit einer therapeutischen Intervention wäre deshalb als
erster Schritt ein Gespräch mit dem eigenen Haus- oder Kinderarzt zu empfehlen, der dann ggf. an einen Kindertraumatologen verweisen kann (bzw. sollte). In diesem Zusammen- hang sei angemerkt, dass
Traumatisierungen bei Kindern oft nicht erkannt werden und es hier zu Fehldiagnosen kommt. Sehr häufig wird gegenwärtig statt einer Traumatisierung eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS bzw. ADHD) diagnostiziert und
therapiert.
Folgende Faktoren können die Auswirkungen eines erlebten Traumas hervorrufen bzw. verstärken:
Alleingelassen werden - Ungewissheit - Hilflosigkeit
Grundsätzlich können folgende Punkte nach dem Erleben eines Traumas ganz wichtig sein:
Beruhigung - Sicherheit - Kontrollierbarkeit - Distanzierung (Rückkehr zur
Normalität)
Bedenken Sie folgendes: Kinder zeigen bzw. äußern erlebte traumatische Belastungen häufig garnicht - oder aber nicht
in dem Ausmaß, in dem sie erlebt wurden !
Starke emotionale Ausbrüche sind eher selten ... und wenn, dann werden sie meist vor den Bezugspersonen verheimlicht.
Die Kinder verhalten sich “unauffällig”, manchal sogar “noch besser” als vorher. So entsteht bei den Erwachsenen oft der Eindruck, dass die Kinder doch wieder “ganz normal” seien. Dies verhindert dann häufig, dass die
Kinder begleitende Hilfe bekommen (und dies muss nicht immer gleich ein Therapeut sein, sondern kann auch eine aussenstehende, nicht mitbetroffene Person sein, die sich einfühlsam mit dem Kind
auseinandersetzt). Die Kinder “verstecken” ihre Gefühle, um so ihre Bezugspersonen vor dem selbst erlebten Leid schützen zu wollen (“....wenn ich Mama davon erzähle, ist sie traurig - und das will ich
nicht...”).
Kinderseelen sind verletzlich ... viel mehr, als es die meisten vermuten.